TAG VIER: Die Möbel eines Gebietes

Natürlich, wieder eines dieser Miniaturhäuser, diesmal fallen mir aber auch die noch kleineren Häuschen auf, die Briefhäuschen. Grosse Häuser, kleine Häuser und noch kleinere Häuser, dieses Epistem durchzieht das Territorium.

Diesmal stehen auch Möbel aus dem Innenbereich auf der Strasse, gratis zum Mitnehmen. Ich war kurz davor, diese Möbelstücke tatsächlich ins Auto zu packen. Die Strasse ist der Ort wo Objekte getauscht werden können, sie ihre Besitzer und Besetzungen wechseln können – oft nur indem sie zum REST erklärt werden. Irgendwie erscheint mir der SÄNTIS auch wie so ein Möbelstück, obwohl der so stur dasteht, die Möbel und der Bezug zur Landschaft.

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TAG VIER: Möbel

Diese Kleinen Häuschen können eigentlich als MÖBEL bezeichnet werden, obwohl sie ortsgebunden sind, sie dienen aber vermutlich einem Wechsel, ebenso die Briefkastenhäuschen. Alles erscheint hier in dieser Hausform dekliniert zu werden.

Und hie und da stehen die Möbel aus den Innenräumen auf der Strasse, zum Tausch bereit, dem Wechsel von Besitz und Besetzung ausgeliefert bzw. freigegeben. Selbst der SÄNTIS erscheint mir manchmal wie ein Möbelstück, wie ein Monolith und gegenüber die Wohnmobile.

TAG VIER: Panamahof

Von WALD fahren wir Richtung ST.ANTON – schon ausserhalb des Territorium. Dort ist ein wunderbarer Ausblick auf das Rheintal – auch das vorarlbergische – den Säntis und auf den Bodensee. Im Gasthaus frage ich nach dem Panama Soneregger Haus, die Bedienung kennt das nicht, fragt einen älteren Mann am Stammtisch, „Ja da sind wir zu Hause“, sagt dieser, er muss ein Graf sein, denn diese bewohnen seit über 100 Jahren den Hof. Wir fahren hin und schauen uns diesen Hof an.

http://www.wald-ar.ch/Dorf_und_Leute/Geschichten/Panama_Sonderegger.htm

TAG VIER: Sehnsuchtsorte

Herbert Maeder, offenbar ein Weltenbummler und Fotograf. Seine Bücher sind anlässlich seines Geburtstages im Gasthof ZUR POST in Rehetobel ausgestellt. Wir trinken Cafe und Limonade (mein Sohn und ich) und essen Appenzeller Biberli, bedient werden wir von der Wirtin, Frau Signer (Roman Signer ist ja auch aus dieser Gegend). Wir gehen eine Runde im Ort und mein Blick wird von meinem Sohn auf ein Spielzeuggeschäft gelenkt, hätte ich ohne ihn vermutlich übersehen. Und tatsächlich finden sich hier beinahe theoretische Objekte zum Projekt.

Es finden sich neben den Büchern, das Reisen betreffend – und zwar in seiner Tiefenschicht – eigenartigerweise viele Objekte den Sommer betreffend, als hätte der Winter hier gar nicht stattgefunden. Flossen z.B. – einige Jahre habe ich an jedem Ort am Meer flossen gekauft, es sollte eine Installation daraus werden: In einem Raum die Flossen an der Wand und im Text die Himmelsrichtung und die Kilometerangabe, soweit zu Fuss, dann musst du schwimmen! Solche Fenster sind Sehnsuchtsorte.

Ein Artikel über Frau Signer von der Post findet sich in der Appenzellerzeitung.

http://www.appenzellerzeitung.ch/lokales/appenzell/at-ap/Neue-Wirtin-in-der-Alten-Post-;art111,1501120

TAG VIER: Ein anderes Feld, ein anderes Spiel

Natürlich ist mir der Unterschied zwischen Winter und Frühling, die Differenz der Jahrezeiten seit Kindheit vertraut. Erst dieses Projekt zeigt mir aber die Tragweite dieser Unterscheidung. Das Territorium im Winter bei den ersten Befahrungen und jetzt bei anbrechendem Frühjahr. Die Farbe wechselt, von Weiss auf Grün. Ein neues Spielfeld entsteht. Als hätte ich lange Zeit nur Schach gespielt und würde jetzt im Freien Handball spielen. Bei dieser Fahrt sind tatsächlich Menschen sichtbar, sie kommen aus den Häusern wie die ersten Blumen. Dieser Rhythmus prägt eine Landschaft bedeutend tiefer als wir das alltäglich realisieren.

TAG VIER: REISENDE HÄUSER

WELTBUMMLER oder ADRIA, die Wohnmobile definieren das Reisen, wenn ADRIA irgendwo am Atlantik steht, könnte es auch im Appenzell stehen bleiben. Vor vielen Häusern in dieser Gegend stehen Wohnmobile. Fällt mir hier das nur besonders auf oder sind sie hier tatsächlich sehr zahlreich? Jedenfall verändert der intensive Blick ins Appenzellerland generell den Blick, auch gestern im Bregenzerwald war mein Blick ein anderer, die Landschaft hat sich anders dargestellt.

Die Wohnmobile stehen in diesem Territorium mit ihrer potentiellen Mobilität der Massivität der Gebäude gegenüber. „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte mich eine Frau als ich den Wohnwagen bei ihrem Haus fotografierte. Eine freundliche Variante der Frage „Was machen Sie da?“.

Die Wohnmobile und die kleinen – immer noch unbestimmten und undefinierten – Häuschen bilden mit der Zeit eine Serie. Es sind aber zunehmend die Aufschriften der Wagen die mich interessieren. Es gibt auch solche die nicht auf eine Weltreise oder eine Urlaubsdestination verweisen sondern auf Urbanität. Wohin reisen die AppenzellerInnen? Unbedruckte Hinweissschilder, Modellhäuschen, Wohnwagenmodelle oder eine Sammlung von Urlaubsbildern: das könnten Bestandteile der „Ausstellung“ am Ende sein.

TAG VIER: HAUFEN

Bereits auf der Landkarte habe ich mich entschlossen über HAUFEN zu fahren. HAUFEN ist aber eine SACKSTRASSE, irgendwann lande ich bei einem Hof wo es nicht weitergeht, umkehren also. HAUFEN will ich als Bezeichnung schon länger als Titel einer Arbeit verwenden. Ein Haufen, das ist eine bestimmte Menge die dennoch ungenau bestimmt ist. Eine BRISE und ein HAUFEN, das ist jeweils eine andere MENGE. Wir sprechen vom Heuhaufen, vom Holzhaufen. Die Philosophie kennt sogar die Paradoxie des Haufens. Ein Haufen Erde, ein Haufen Probleme. HAUFEN ist von einer ähnlichen Unschärfe wie LANDSCHAFT, insofern könnte auf dem Schild auch LANDSCHAFT stehen.

TAG VIER: Ort der Lust

(Lutzenberg) Hans Ruedi Fricker definiert(e) Orte emotional mittels Schildern oder Plakaten, Orte der Lust, der Vision, der Skepsis etc. Eine frühe Arbeit in den Anfang-1990er-Jahren in Bregenz (Magazin 4) oder als „Rückgrat“ mittels Strassenintarsien in St. Gallen (CH). Schilder in der Gegend sind ab diesem Zeitpunkt anders lesbar. Auch wenn es sich um Beschilderungen von Gasthäusern etwa handelt. Solche Bezeichnungen sind aber auch Verweisungen auf andere Orte, solche haben wir bei den TAGEN 1-3 schon gesehen, andere Orte bzw. andere Länder. Ein ORT DER HOHEN LUST, bei der Auffahrt ins Appenzell.

Protokoll TAG 4 – 18.März 2010

Tag VIER soll in einzelnen Schritten berichtet werden. Bild EINS, Bild ZWEI etc.

Zu jedem Bild eine weiterführende Überlegung. Versalbilder also. Keine grösseren Zusammenhänge, nichts weiter. Tag VIER im östlichen Teil, bei wärmeren Temperaturen. Gemeinsam mit dem vierjährigen Sohn unterwegs. Kaum gelaufen, fast nur gefahren. Appenzell ist eine Er-Fahrung, die Sicht durch die Windschutzscheibe ähnelt mehr einer Kinoerfahrung. Lange Filme, zumeist an die vier Stunden.